Seeding.

Schon mal gehört? Nein? Dann lasst mich heute mal über „Seeding“ sprechen. Und damit ein klitzekleines bisschen den Blick hinter die Kulissen der bunten Social-Media-Welt werfen.

Vorher möchte ich mich aber ganz, ganz sehr für dieses unfassbar schöne Feedback bedanken, das mich zu meinem letzten Artikel erreicht hat. Ich bin sehr berührt, wie lange euch mein Blog teilweise schon begleitet und was er euch bedeutet. Alleine dafür – FÜR EUCH – würde es sich schon lohnen, weiterzumachen. Ihr habt so recht: Manche Themen lassen sich einfach nicht in 90-Sekunden-Videos schlüssig vermitteln, auch wenn wir uns das manchmal wünschen würden. Manchmal muss man einfach tiefer einsteigen. Genauer hinschauen. Komplexe Zusammenhänge erschließen sich nicht in Häppchen-Content. Das sehe ich genauso wie ihr. Ich nehme mir eure schönen Kommentare sehr zu Herzen und lasse sie in meine Entscheidung mit einfließen, was den Blog betrifft. Wie jedes Jahr wird es im Juli und August wieder eine große Sommerpause geben, in der ich mir Gedanken dazu mache. Und wenn dieser Blog schließt, dann frühestens Ende des Jahres. So kann meine Entscheidung reifen. Ich werde uns allen zuliebe nichts überstürzen.

Und ab nächster Woche wird es hier auch wieder friedlicher und positiver. Wie oben angekündigt, möchte ich euch heute etwas über „Seeding“ erzählen. Denn wiederholt erhalte ich E-Mails mit Anfragen zu sogenannten Seedings oder Giftings.

„Seeding“ bedeutet korrekt übersetzt Aussaat. „Gifting“ ist ein verkünstelter Begriff, der sich von „The Gift“, also „Geschenk“ ableitet. In der Social-Media-Welt bedeutet das: Marke XY schickt ein Produkt als sogenanntes „Geschenk“. Und zwar nicht nur an eine Handvoll ausgewählter Personen, nein. Die Aussendung eines (meist neuen) Produktes erfolgt großzügig wie mit der Gießkanne. Oder wie bei einer Aussaat. Soweit ist daran nichts ungewöhnlich. Denn wenn ein Hersteller ein neues Produkt auf den Markt bringt, möchte er natürlich, dass die Welt davon erfährt. Social-Media-Schaffende können dabei helfen, das Produkt erfolgreich zu platzieren, um es mindestens genauso erfolgreich zu verkaufen und Umsatz bzw. Gewinn für den Hersteller zu generieren. Seedings oder Giftings sind ein beliebtes Marketingtool, das klassische Werbekampagnen, wie wir sie kennen, zusätzlich pushen kann.

Und genau da ist der Knackpunkt – faire Bezahlung und Versteuerung für geleistete Arbeit!

Denn während für klassische Werbekampagnen, Fotografen, Models oder Prominente, Make up Artists und Hairstylisten, manchmal (und immer öfter KI) für‘ Produktfotos’s in Szene setzen eines Produktes eingekauft (sprich: bezahlt) werden, geht man beim Seeding oder Gifting wie selbstverständlich davon aus, dass wir Influencer dieses Produkt kostenlos in Kameras halten um euch davon zu berichten, gerne mit dem Ziel es an euch EndverbraucherInnen zu verkaufen.

Früher wurden diese Produkte einfach so verschickt. Wenn man auf einer Seeding-Liste stand, hatte man zumindest schon einmal so viel „Rennommée“, dass man dazu „auserwählt“ war, neue Produkte zugeschickt zu bekommen. Sofern überhaupt eine mehr oder weniger persönliche Nachricht dabei liegt, kann man bei den zuständigen Agenturen nachfragen, wie es mit Bezahlung aussieht und bekommt dann meist zu hören, dass dafür kein Budget vorhanden sei. Mittlerweile wird oft per E-Mail vorab nachgefragt, ob man für ein Seeding zur Verfügung steht. Wenigstens das. Das läuft im Printbereich seit vielen Jahren so und wurde einfach in den Social-Media-Bereich übernommen. Erledigt wird die Arbeit von PR- bzw. Social-Media-Agenturen. Oft bekommt die Agentur das Werbebudget, gibt es bei Seedings jedoch in der Regel nicht an diejenigen weiter, die letztlich dafür werben. Und nennt es dann eben großzügig Gifting.

Ich bekomme z.B. bis heute regelmäßig PR-Muster von einer Kosmetikmarke namens Dr. Schrammek. Im Paket liegt weder ein Begleitschreiben noch eine Pressemappe bei, noch hat mich je irgendjemand gefragt, ob ich die Produkte haben und/oder dafür werben möchte. Also mache ich es auch nicht. Weil ich das unpersönlich und anmaßend finde. Mir einfach etwas vor die Füße zu knallen, ohne ein Wort, ohne Kontaktaufnahme, ohne Anfrage.

Bei Seeding oder Gifting geht es nicht darum, eine neue, vertrauensvolle Langzeitkooperation aufzubauen, sondern lediglich darum, neue Produkte so bekannt zu machen wie möglich. Und es ist auch egal, wenn ein paar Influencer absagen. Dafür hat man ja nach Gießkannenprinzip viele angeschrieben. Irgendjemand macht es immer … IMMER! Zum Teil, weil man neugierig auf ein teures Produkt einer namhaften Marke ist, die man sich so nie kaufen würde oder leisten könnte. Zum Teil, weil manche vielleicht immer noch hoffen, sich oben genannte vertrauensvolle Langzeitkooperation zu erarbeiten und dafür evtl. auch irgendwann einmal bezahlt zu werden.

Überraschung: Das klappt höchst selten bis nie!

Als ich anfing, habe ich das nicht anders gemacht und mich über Seedings gefreut wie ein Keks. Allerdings muss ich sagen, dass das fast 20 (!!) Jahre her ist und dass sich die Zeiten grundlegend verändert haben. Dass Blogger, Influencer und Content Creator keine Freizeitbeschäftigung mehr ist, sondern ein seriöser Broterwerb und dass man für so eine Kampagne nicht nur ein paar, sondern alle fair bezahlen muss, wenn sie für ein Produkt werben sollen.

In der E-Mail, die von einer PR Agentur kam, die das Seeding eines neuen Produktes einer großen Marke anfragte, die schon auch mal mit Julia Roberts wirbt und die mich zu diesem Artikel inspirierte, stand ausdrücklich im Disclaimer:

Die genannten Produkte der Marke … werden Ihnen zur Verfügung gestellt und können zur Content Creation verwendet werden. Wir möchten Sie daran erinnern, dass jegliche Werbung für unser Unternehmen, unserer Marken/Produkte von Ihnen gemäß geltender gesetzlicher Bestimmungen und rechtlicher Vorgaben als Werbung zu kennzeichnen ist. Ferner weisen wir darauf hin, dass die … GmbH für die Zurverfügungstellung keine Pauschalversteuerung nach § 37b EStG vornimmt. Für die korrekte steuerliche Behandlung im Rahmen Ihrer Steuererklärungen sind Sie selbst zuständig.

Heißt also: Ich kann dafür werben, muss es aber nicht. Aber wenn ich werbe, dann natürlich schön korrekt mit Kennzeichnung. Geld gibt es dafür nicht und für die Versteuerung muss ich auch selbst sorgen. Womit wir beim nächsten Knackpunkt sind.

PR-Samples gelten im Steuerrecht als geldwerte Vorteile. SSie sind mit etwa 30 % zu versteuern. Ob vom Einkaufs-, Verkaufs- oder Herstellungspreis, weiß irgendwie niemand so genau bzw. handhabt das jeder Steuerberater etwas anders (oder auch jedes Finanzamt). Rechtlich darf ich diese Produkte weder weiterverkaufen noch verschenken oder selbst aufbrauchen, sondern muss sie nach Erfüllung ihres Zweckes entsorgen.
Um authentisch zu bleiben und das Produkt in meine regelmäßigen Routinen einzubinden, müsste ich mir ein neues, eigenes Produkt kaufen. Ich weiß aktuell nicht, wie es ist, wenn ich das Produkt versteuert habe. Das ist ein bürokratischer Wahnsinn, der weder nachhaltig noch nachvollziehbar ist.

Zurück zum Seeding.
Ich bekäme also kostenfrei ein Produkt (als Geschenk). Zum Zwecke der Bekanntmachung innerhalb meiner Community. Ich bekomme kein Honorar, muss es aber versteuern. Heißt: 30% „Miese“. Das ist am Ende also kein Geschenk, sondern ein wirtschaftlicher Totalschaden.

Kommen wir zum letzten Punkt (dann höre ich auf mich zu beschweren, versprochen) ;-).
Bei der Menge an versendeten PR Mustern kann man davon ausgehen, dass Produkte auch an branchenfremde Creator versendet werden. Die mögen dann die exKlusive Verpackung, den Geruch oder den Luxus, den ein Produkt versprüht. Sie plappern brav nach, was der Pressetext sagt. Sie überlassen ihrer Community die Entscheidung und übernehmen keine Verantwortung. Daran ist nichts verboten. Sie sind Influencer und ein Influencer (übersetzt: Beeinflusser) hat die Aufgabe, seine Community zu beeinflussen.
Und hier muss ich soooo sehr bei mir bleiben, um nicht aus dem Kittel zu springen. Weil Authentizität und und Werbung sich zwar nicht ausschließen, aber sich auch nicht bedingen. Und weil hinter Werbung nicht immer auch Verantwortung steht. Weshalb manche Influencer jede Woche zwei neue Lieblingsprodukte einer Produktsparte in die Kamera halten und manche nicht. Weil manche ihre Verantwortung guter Werbung sehen und manche nicht. Weil es nicht verboten ist und auch kein Betrug.

Am Ende entscheidet immer IHR EndverbraucherInnen.
Mein Tipp: Hört auf euren Bauch!! Intuition ist eine weibliche Superkraft! Wenn euch etwas spanisch vorkommt, informiert euch noch einmal genauer.Welche Werte sind für euch bei der Produktauswahl wichtig? Erfüllen die Produkte zumindest in der Werbung schon mal diese Ansprüche? Wie glaubhaft ist der- oder diejenige, die euch ein Produkt empfiehlt? Das Produkt einer großen Kampagne mit Stars, Sternchen und Seedings muss nicht zwingend schlecht sein. Nur die Art und Weise, wie sie verläuft.

Zu meinen Prinzipien gehört ja, dass ich kein Markenbashing betreibe. Ich teste Produkte umfassend und nehme mir Zeit dafür. Ich plane, wie ich euch liebgewonnene oder vielversprechende Produkte vorstelle und nahebringe. Mir sind direkte Kontakte zum Hersteller lieber als der Weg über Agenturen.
Vielleicht sollte ich mir ungefragt zugesendete Produkte einfach mal genauer ansehen und ihnen dann die Werbung zukommen lassen, die ihnen gebührt? Das hieße dann nämlich auch, zu kommunizieren, wie ich zu dem Produkt gekommen bin, was ich darüber weiß, wie viel Zeit ich zum Testen hatte und natürlich auch, wie ich es finde. So ganz transparent.

Möchte mich jemand für die Versteuerung sponsern? Freiwillige vor! 🙂

One Comment

  1. Carolin 10/05/2026 at 8:33- Antworten

    Liebe Anja, Danke für die Insights! 😉 Und Nein, ich finde das nicht zu negativ oder nur gemotzt. Wäre die depperte Versteuerung nicht- ich würde diese 100% ehrliche Anja Reviews abfeiern! 🙂
    Auf FB hab ich Dich entdeckt, wegen Dir zu Insta gegangen. Ich vertraue Deinen Empfehlungen und habe bei dekorativer Kosmetik komplett auf „Deine“ Marken umgestellt. (Eine aber auch komplett wieder rausgepfeffert…). Wenn ich was Neues suche, gucke ich auf Deiner Website, ob Du schon was dazu geschrieben hast und geh Deine Marken durch. Dank Deiner tollen Schminkanleitungen, dem Color Corrector und anderen tollen Produkten habe mich selbst letztes Jahr zu meiner Hochzeit geschminkt: hielt den ganzen Tag und sah top aus! Ich könnte hier noch einiges aufzählen ( Lesetipps von Franzi, XbyX, Sunday Natural), schnapp mir jetzt aber nen 2. Kaffee und genieße den Sonntag. Wünsche Dir einen schönen Sonntag und mach weiter so! Liebe Grüße Caro

Schreibe einen Kommentar